Kaum kann ich meine Augen offen halten, werde ich von Ereignissen auf der ganzen Welt erdrückt. Seien es neue Anschläge hier, gebrochene Friedensabkommen da oder vielleicht doch „nur“ neu veröffentlichte Inhalte der „Epstein-Files“. Ich frage mich dabei: Wie viel Kontrolle habe ich noch über das Ganze?
Ich will damit nicht sagen, dass es keine Berechtigung hat, über diese Themen zu sprechen. Allerdings ist es nicht mehr möglich, selbst zu entscheiden, wann und wie man darüber lernt. Social Media ist eigentlich ein guter Weg, um hin und wieder abzuschalten – sei es bei der Familienfeier nach der x-ten politisch inkorrekten Aussage, nach einem anstrengenden Arbeitstag, an dem man nur noch ins Bett fallen will, oder wenn man einfach die Nase voll hat und sich quasi aus der Welt „teleportieren“ möchte. Dann scrollt man und scrollt – und merkt gar nicht, dass als Nächstes ein Video abgespielt wird, in dem schon wieder über die Gräueltaten irgendwelcher alter, weißer Männer mit zu großem Ego gesprochen wird. Und zack – schon ist man drin. Vielleicht schaut man dieses eine Video zu lange, gibt ihm dann auch noch ein Like, und schon spielt einem der Algorithmus ein negatives Video nach dem anderen aus.
Ich habe langsam das Gefühl, ich werde nur noch gesteuert … Denn wer entscheidet, welche Videos mir zugespielt werden? Wer schafft es, meine Emotionen und damit meinen ganzen Tag zu bestimmen? Wer zieht einen Nutzen aus meiner Vulnerabilität?
Wir haben alle verlernt, Mensch zu sein. Wie Junkies laufen wir durch die Welt, auf der Suche nach der nächsten „TikTok-Pause“. Getrieben von Algorithmen, die unser Wissen und unsere Wahrnehmung zutiefst prägen und bestimmen.
In letzter Zeit merke ich immer mehr, wie sehr ich meine „Abhängigkeit“ mildern möchte. Statt morgendlichem „Nachrichtenlesen“ vielleicht doch eine „Morgenmeditation“. Erneut lernen, was Langeweile wirklich ist. Und vor allem: rausgehen, im Moment leben – und nicht auf der Couch gammeln und den Abend verstreichen lassen.
Ist es nicht ein schreckliches Bild, wenn man in die U-Bahn einsteigt und jede Person mit einem traurigen, festgefrorenen Gesicht auf ihr Handy starrt? Statt miteinander zu reden, schürt jeder nur Wut in sich, weil jemand anderes in „den eigenen“ Raum eingedrungen ist, nachdem er oder sie sich auf den freien Platz daneben gesetzt hat. Es ist doch klar, dass jeder nur noch in seiner eigenen, verbitterten Welt lebt, wenn wir so einen großen Teil unseres Tages am Handy verbringen und schlechten Nachrichten dauerhaft ausgesetzt sind.
Ich hoffe, dass wir langsam einen gesellschaftlichen Wendepunkt erreichen, an dem Social Media seine guten Seiten behält, aber die Instrumentalisierung aufhört.
