Und wie jedes Jahr frage ich mich, DAS soll dieser „Fußball“ sein. Ich erinnere mich daran, wie ich als Kind meine ersten Spiele gesehen habe. Damals war ich begeistert – heute bin ich eher verwirrt. Warum löst Männerfußball eine derart große Begeisterung aus, während viele sofort das Interesse verlieren, sobald Frauenfußball auch nur erwähnt wird?
Für mich ist es ein Rätsel, dass von einer Männer-WM nahezu jede zweite Person im westlichen Raum etwas mitbekommt. Laute, gröhlende Männer stolpern biertrunken zum nächsten Public Viewing. Selbst wenn ich in einer „Frauenrunde“ anfange, über Erling Haaland zu sprechen, entstehen sofort Gespräche. Wohingegen es beim Frauenfußball ganz anders aussieht. Da findet man teilweise nicht einmal Public-Viewing-Veranstaltungen, geschweige denn ein vergleichbares Interesse in der Bevölkerung.
Dann sitze ich vor dem WM-Finale und schaue mir 120 Minuten lang kleine, bockige Burschen mit Aggressionsproblemen an: Alle zwei Minuten wird das Spiel unterbrochen, weil der nächste Spieler am Boden liegt. Einer fliegt durch die Luft, einer fällt scheinbar grundlos um, ein anderer versucht von seinem eigenen Foul abzulenken. Aber der Männerfußball hat ja „Qualität“ – ganz hingegen des Frauenfußballs, denn Frauen seien ja körperlich Unterlegen, das Spiel sei nicht so spannend, heißt es.
Für mich hat der Männerfußball einen Teil seiner Werte verloren. Es geht längst nicht mehr nur darum, wer die beste Technik oder die klügste Taktik hat. Was mich am Frauenfußball so fasziniert, ist, dass selbst viele der bekanntesten Spielerinnen nebenbei arbeiten müssen, um sich ihr Leben als Fußballerin finanzieren zu können. Es werden 90 Minuten mit vollem Einsatz gespielt – ohne ständige Schauspielerei. Selbst für ausgedehnte Torjubel bleibt kaum Zeit, denn das Spiel geht weiter. Es geht nicht darum reich zu werden, es geht darum zu dem zu werden, von dem man schon als Kind geträumt hat.
Würde Frauenfußball genauso gefördert werden wie Männerfußball, könnte er einen ebenso großen Stellenwert in unserer Gesellschaft einnehmen. Die Erste Frauen WM 1971 - Zur Überraschung von allen, ein unglaublicher Ansturm - 110 000 Zusehende. FIFA’s Reaktion – weltweit unzählige Verbote für professionellen Frauenfußball. Es entspräche nicht dem Bild der Frau. So wurde der Frauenfußball vollkommen zerschlagen, nur weil Frauen wieder einmal nicht der Vorstellung von Männern entsprachen. (Filmempfehlung: Copa 71)
Ich glaube inzwischen, dass es beim Fußball gar nicht nur um das Spiel selbst geht. Es geht darum, dass unzählige Menschen gemeinsam für etwas brennen. Wie schön wäre es, wenn jedes Jahr für ALLE ein Fußballjahr wäre: Frauen-WM, Männer-WM, Frauen-EM, Männer-EM – und dann wieder von vorn. Alle fiebern mit. Es geht nicht mehr um stereotype Rollenbilder, sondern um die gemeinsame Freude am Sport.
Vielleicht sollten wir einfach anfangen, dem Frauenfußball genauso viel Aufmerksamkeit zu schenken wie dem Männerfußball. Irgendwann werden dann vielleicht auch die letzten Kritikerinnen und Kritiker erkennen, was sie bisher übersehen haben.
Wie gut, dass nächstes Jahr wieder Frauen-WM ist!

