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Die Wienerin in mir

Partys, Fernsehlärm und laute Unterhaltungen bis in die Nachtstunden – seit zwei Monaten habe ich neue Nachbarn. Sie wohnen im selben Haus in der Stiege gegenüber meiner Wohnung. Der Innenhof verbindet uns. Und ich schäme mich zu sagen, dass sie die Wienerin in mir aktivieren. Oder zumindest das Klischee einer Wienerin, dem ich zu meinem Entsetzen mittlerweile entspreche.  

Erzählungen über die grantige Wiener Bevölkerung gibt es viele. Meist wird diese Unfreundlichkeit belächelt und als Markenzeichen verkauft. Und doch sind wir gleichzeitig doch auch für unseren Schmäh und unseren Charme bekannt. Dieser schmale Grad zwischen Charme und Unfreundlichkeit macht Wien irgendwie aus. Und die zahlreichen Erfolge bei der Wahl Wiens zu einer der lebenswertesten Städte, lassen viel verzeihen.  

Der Wiener Grant ist dennoch allen ein Begriff. Sei es der Ober im Kaffeehaus, die Menschen bei Ämtern oder die generelle Bevölkerung in den Öffis – sie alle haben den Grant gemeinsam. Immer neue Internetvideos schaffen es, diese Eigenschaft in Szene zu setzen. Das Video der älteren Dame, die die Musikdarbietung eines Nachbarn zur Coronazeit mit einem „Ruhe, Ruhe, so scheen is des ned!“ kommentierte, ist beispielsweise legendär. Wien wie es leibt und lebt.  

 

Ich bin stolze Wienerin, habe mich mit diesen Eigenschaften allerdings nie identifiziert. Bis heute. Als ich vor acht Jahren in meine aktuelle Wohnung zog, war ich beruhigt, dass es Menschen gab, die seit Jahrzehnten in diesem Haus wohnten. Sehr schnell hatte ich das ältere Ehepaar dazu auserkoren, meine Stereotype zu erfüllen und für Ordnung im Haus zu sorgen. Doch bereits nach einem Jahr musste ich erkennen, dass diese Rolle im Haus nicht ihre, sondern meine war. Wenn immer es ein Problem gibt, bin ich die Person, die bei der Hausverwaltung anruft. Ich bin es auch, die Zettel im Haus aufhängt, wenn AirBnB Gäste den Müll in den Gang stellen und nicht zum Müllraum finden. Ich übernahm mit Anfang 30 eine Rolle, die ich eher im Pensionsalter verortet hätte.  

 

Doch die neue WG, die aus jungen Männern um die Volljährigkeit besteht, verlangt mir viel ab. Auch an Wochentagen höre ich bis 3 Uhr früh sogar durch die geschlossenen Fenster ihre Unterhaltungen. Verschiedene Sounds von Videospielen, sei es FIFA, GTA oder ein Ego-Shooter, hallen durch den Innenhof. Noch versuche ich es irgendwie zu ertragen. Doch die Angst meine innere Wienerin gewinnen zu lassen, wird immer größer. 

 

An manchen Tagen könnte man mich als eine Mischung von Frau Turecek (der Hausmeisterin) und Frau Kaiser (die alles was im Haus abgeht, wissen will) bezeichnen. Wem das jetzt nichts sagt: das sind Charaktere in der TV-Serie Kaisermühlenblues. So problematisch sie aus heutiger Sicht auch ist, als Kind fand ich die Serie toll. Von der unbeholfenen Bezirkspolitik bis zu anstrengenden Nachbarn, war alles an Wiener Klischees dabei.  

 

Nun bin ich - außer durch den ein oder anderen Zettel - noch nicht offenkundig unfreundlich in Erscheinung getreten. Auch weil ich diesem Teil meiner Persönlichkeit wenig Platz zugestehen möchte. Stattdessen versuche ich jetzt meinen Grant so zu kanalisieren, dass ich in in eine andere Wiener Eigenschaft umwandle – das Jammern.  

Thoughts and Prayers

Stimmen aus dem Team

ist unser neues Format mit dem wir zeigen wollen, wer hinter dem ASH Forum steht und was uns so in unseren Leben beschäftigt.

 


Dieser Beitrag kommt von unserer Bildungsreferentin Vanessa Spanbauer

 

Foto Vanessa Spanbauer

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